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Asien – Neue Wege gesucht

(Foto: DGB/HBS – CC BY 4.0)

Der Gipfel der Industrialisierung ist in China und Indien bereits überschritten. In Asien taugen die alten Entwicklungsmodelle nicht mehr, schreibt Thomas Seifert im neuen Atlas der Arbeit, den Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB) und Hans-Böckler-Stiftung (HBS) erstellt haben.

Der rasante wirtschaftliche Aufstieg Asiens in den vergangenen Jahrzehnten ist historisch ohne Beispiel. Doch er hat nur das Kräfteverhältnis wiederhergestellt, das über Jahrhunderte normal war. Zwischen dem Jahr 1000 und dem Beginn des 19. Jahrhunderts war China für rund ein Viertel der globalen wirtschaftlichen Aktivität verantwortlich. Um 1750 produzierten China und Indien zusammen sogar drei Viertel der Waren weltweit. Bis zum Jahr 1914 sank dann der Anteil ganz Asiens an der Weltproduktion auf noch 7,5 Prozent. Europa und die USA hatten sich seit der industriellen Revolution erdrückende Wettbewerbsvorteile durch technischen Fortschritt, die Ausbeutung der Kolonien und die Plünderung ganzer Kontinente verschafft.

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2014 jedoch hat China die USA in puncto Bruttoinlandsprodukt wieder überholt – wenn auch nicht pro Kopf, sondern insgesamt und an der Kaufkraftparität gemessen, also daran, was man in der Lokalwährung kaufen kann. Wenn den aktuellen Prognosen zu glauben ist, wird Chinas Wirtschaft im Jahr 2049 zweimal so groß sein wie jene der USA und größer als die aller westlichen Ökonomien zusammen. Indiens Volkswirtschaft wird bis dahin größer sein als jene der USA.

Wie haben die ostasiatischen Staaten diesen Aufstieg in Rekordzeit geschafft? Japan, Südkorea, Singapur und Taiwan verstanden es meisterlich, ihre Arbeitskräfte für Jobs in der neu entstehenden und staatlich geförderten Industrie zu mobilisieren. Die Produktivität stieg. Durch die mit der Industriegesellschaft einhergehende Urbanisierung verbesserten sich die Bildungschancen der nachfolgenden Generation. Die Fertigungsmethoden kopierten die Länder Asiens zumeist von den entwickelten Industriestaaten.

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Doch das Zeitfenster für diese exportorientierte, industriegestützte Entwicklung schließt sich gerade. Denn auf Industrialisierung folgt – so lehrt es die Wirtschaftsgeschichte – Deindustrialisierung und ein Strukturwandel in der Wirtschaft. In Deutschland war der Höchststand im Jahr 1965 erreicht: 49,2 Prozent aller Beschäftigten arbeiteten in der Industrie, 2017 waren es nur noch 24,1 Prozent. In China betrug dieser Wert auf dem Höhepunkt der Industrialisierung im Jahr 2012 30,3 Prozent, 2016 waren es nur noch 28,8 Prozent. Indien hat den Zenit schon bei 13 Prozent überschritten. Der Ökonom Dani Rodrik spricht in Fällen wie Indien von „vorzeitiger Deindustrialisierung“.

Das Beispiel Indien zeigt, wie schwierig es ist, auf den Dienstleistungssektor als Fundament des wirtschaftlichen Aufholprozesses zu setzen. Indien hat es zwar geschafft, eine Nische im IT-Service- und Callcenter-Bereich zu besetzen. Allerdings erfordern solche Jobs Fertigkeiten und Kenntnisse, über die nur ein kleiner Teil der Arbeitskräfte verfügt. Indien ist es nicht gelungen, an die wirtschaftlichen Erfolge von Japan, Südkorea, Singapur und China anzuschließen, weder in der Industrie noch bei den Dienstleistungen. Ein großer Teil der Arbeitskräfte auf dem Subkontinent bleibt in der Landwirtschaft oder arbeitet als Tagelöhner.

Die nächste digitale Automatisierungswelle wird den Trend des beschäftigungsfreien Wachstums verstärken – auch in Asien. In Indien entern jeden Monat eine Million junge Leute den Arbeitsmarkt. Vor allem niedrig qualifizierte Arbeitskräfte werden es schwer haben, in Zukunft Jobs zu finden. Was passiert dann mit den rund 300 bis 400 Millionen Menschen, die nach UN-Angaben bis 2050 auf der Suche nach Jobs in die Städte Indiens ziehen werden und dort keine Beschäftigung finden?

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In China ist die Lage anders. Die Bevölkerung wächst kaum noch und wird ab 2027 sogar schrumpfen. Dann gerät auch das chinesische Entwicklungsmodell in Turbulenzen. Wenn das Angebot an Arbeitskräften sinkt, steigen die Löhne. Die Arbeitskosten haben sich seit 2002 versechsfacht. Mit der Halbierung der Wachstumsraten von 14 auf – immer noch beachtliche – 7 Prozent zwischen 2007 und 2016 nahm auch der Pool der Wanderarbeiterinnen und Wanderarbeiter ab. In den vergangenen Jahren ist er um etwa 40 Millionen Menschen kleiner geworden; selbst die billigsten Arbeitskräfte werden rarer.

Und das ist noch nicht alles. Künftige Hightech-Produktionen, die gern mit dem Begriff Industrie 4.0 belegt werden, dürfen zum sogenannten Backshoring führen – der Rückkehr von Produktionsbetrieben nach Europa oder in die USA. Denn Produkte dieser neuen Generation werden in hochentwickelte „Ökosysteme“ eingebettet sein, wie sie in den „alten“ Industrieländern gerade entstehen. Gleichzeitig sind nach einer Weltbank-Studie rund 69 Prozent der Arbeitsplätze in Indien durch Automatisierung bedroht, in China gar 77 Prozent.

Die einfachen Industriearbeitsplätze sind besonders gefährdet. Bei den Asean-5-Ländern (Indonesien, Malaysia, Philippinen, Singapur, Thailand) sind es laut einer Schätzung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) 56 Prozent. Auch Europa oder die USA stehen mit den Digitalisierungstrends und der Industrie-4.0-Landschaft vor wahrhaft großen Herausforderungen. In Asien jedoch ist das Entwicklungsmodell der vergangenen goldenen Jahrzehnte gefährdet.

Quellen: S. 48: Bloomberg Gad.y, The Robot Rampage, 9. Januar 2017, https://bloom.bg/2i8zLri. S. 49: Angus Maddison, The World Economy: Historical Statistics, https://bit.ly/2vxAk6N.

Aus: Atlas der Arbeit,  © CC BY 4.0

 

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