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Die Macht der Geographie


Foto: dtv

„Geographie als maßgeblichen Faktor für den Verlauf der menschlichen Geschichte anzuerkennen“ – um nicht weniger geht es dem britischen Journalisten Tim Marshall in seinem Buch über „Die Macht der Geographie“. 2015 erschien es auf deutsch und stürmte prompt hierzulande die Bestsellerlisten. Auch die Besprechungen waren ziemlich gut. Es ist damit schon wegen seiner Verbreitung eines der wichtigsten Bücher auf seinem Gebiet der vergangenen Jahre.

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Legitime Interessen

Tatsächlich lässt sich bei Tim Marshall einiges lernen: Warum Russland den eisfreien Hafen auf der Krim braucht und gegen Invasionen aus dem Westen keinen natürlichen Schutz hat, zum Beispiel. Oder warum China Tibet niemals in die Unabhängigkeit entlassen wird. Tim Marshall zeigt, welche Rolle die geographischen Gegebenheiten bei den Krisen und Konflikte dieser Welt spielen. Denn:

„Die physischen Realitäten, die der nationalen und internationalen Politik zugrunde liegen, werden zu oft außer Acht gelassen – sowohl bei der Geschichtsschreibung als auch bei der aktuellen Berichterstattung aus aller Welt.“

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All das liest sich bei Marshall recht angenehm, wozu auch der im englischsprachigen Raum übliche lockere Schreibstil beiträgt. Und es erklärt, warum Politiker so handeln, wie sie handeln. Damit hebt sich Marshall wohltuend gegen den westlichen Moralismus ab, der überall nur schlechte Menschen und verrückte Diktatoren wittert und nicht verstehen will, dass andere Staaten einfach auch mal andere Interessen haben.

Übersehene Geographie?

Wird der Einfluss der Geographie aber wirklich unterschätzt, wie Marshall behauptet? Geographie, schreibt er, „ist vielleicht nicht der bestimmende Faktor, aber ganz sicher jener, der am häufigsten übersehen wird.“ Den Beweis bleibt er jedoch schuldig, denn sein Buch ist keine Medienkritik. Ähnlich ist es mit der These, dass die Geographie ein maßgeblicher Faktor der Menschheitsgeschichte ist. Marshall hat alles zusammengesucht, was seine These stützt.

Die Gegenprobe hat er aber nicht gemacht. Was ist zum Beispiel mit der Waffentechnik: Ist deren Entwicklung nicht ein Faktor, der den Verlauf der Geschichte maßgeblich beeinflusst? Oder was ist mit der Entwicklung der Produktivkräfte, nach der Marxisten fragen würden? Oder mit dem Zugang zu Informationen, mit dem Bildungsgrad einer Bevölkerung, mit der Verteilung des Reichtums? Und wie verhält sich das genau zu den geographischen Gegebenheiten? Immerhin kann man mit Flugzeugen über Berge hinwegfliegen…

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Offene Fragen

Tim Marshall hat ein gut lesbares Buch darüber geschrieben, wie Politiker und Militärs auch heute auf die geographische Gegebenheiten Rücksicht nehmen müssen, denen sie unterworfen sind. Aber welchen Einfluss die Geographie auf die Weltpolitik hat im Vergleich zu anderen Faktoren hat – diese Frage muss auch nach der Lektüre von „Die Macht der Geographie“ offen bleiben. Denn Tim Marshall hat sie nicht untersucht.

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