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Jugoslawien-Krieg vor Gericht

Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien hat sein letztes Urteil vor seiner Auflösung gesprochen und den früheren Oberbefehlshaber der bosnischen Serben, Ratko Mladic, zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht in Den Haag befand ihn für schuldig unter anderem wegen Völkermord an bosnischen Muslimen in Srebrenica, der Belagerung von Sarajevo und der Geiselnahme von UN-Personal. In der Zusammenfassung des Urteils, das unmittelbar nach Urteilsverkündung noch nicht vorlag, heißt es:

„For having committed these crimes, the Chamber sentences Mr. Mladić to life imprisonment.“

Damit ist die juristische Aufarbeitung der Balkan-Kriege zwei Jahrzehnte nach den mörderischen Kriegen weitgehend beendet (vorbehaltlich einer Berufung von Mladic natürlich). Unumstritten ist diese nicht: In Serbien gilt das Gericht bei manchen als Siegerjustiz. Den Massenmord an bosnischen Muslimen kann man freilich kaum bestreiten. Umstritten ist in Serbien bis heute, ob er – in Anführungszeichen – „nur“ ein Kriegsverbrechen war oder Völkermord.

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Umstrittene Rolle von Milosevic

Wie schwierig die juristische und historische Aufarbeitung der Kriege beim Zerfall Jugoslawiens ist, zeigt der Fall des in Den Haag vor Prozessende verstorbenen serbischen Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic. Zu Kriegszeiten war Milosevic in der deutschen Presse als „Schlächter vom Balkan“ niedergemacht und als neuer Hitler dargestellt worden, um einem NATO-Krieg propagandistisch den Weg zu ebnen.

Im Urteil gegen den Radovan Karadzic, den ehemaligen Anführer der bosnischen Serben, vom 24. März 2016 las sich das ganz anders. Über ganze Seiten hinweg wurde Milosevic de facto weitgehend entlastet. Das Urteil gegen Karadzic war zwar kein nachträglicher formaler Freispruch für Milosevic. Aber zumindest was den Bosnien-Krieg angeht, war wohl nicht Milosevic der Verrückte, sondern Karadzic. Die ausführliche Besprechung des Urteils hier bei Telepolis.

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Gemeinsame Sprache – gemeinsame Zukunft?

So wichtig es ist, die Jugoslawien-Kriege aufzuarbeiten, die Gegenwart sollte nicht zu sehr mit Problemen der Vergangenheit belastet werden. Es ist Sache der heutigen Generation, das gemeinsame, friedliche Zusammenleben zu regeln. Ein ermutigendes Zeichen ist, dass das Serbokroatische als Sprache wieder entdeckt und rehabilitiert werden soll, wie es jetzt Intellektuelle in Sarajevo fordern.

Was im Zuge des mörderischen Nationalismus in den 1990ern geleugnet wurde, wird jetzt wieder offen ausgesprochen: Ja, es gibt eine gemeinsame Sprache von Serben, Kroaten, bosnischen Muslimen, bosnischen Serben. Natürlich ist serbokroatisch gewissermaßen künstlich, aber das ist normal und gilt zum Beispiel auch für hochdeutsch. Warum also nicht endlich benennen, was sowieso existiert? Es ist diese kleine Wahrheit, die in den 90er Jahren unter einem Haufen nationalistischer Kriegspropaganda verschüttet wurde: Ja, die Menschen reden alle dieselbe Sprache. Eigentlich gute Voraussetzungen für eine Verständigung und dafür, Grenzen zu überwinden.

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